Anger

Der Anger ist seit altersher Dreh- und Angelpunkt des Dorfes. Zu ihm führen alle Straßen und Wege, ob vom Osten, vom Norden, von der Werra (Fähre) oder vom Süden, immer wurde der Anger tangiert. Er war Versammlungsort, Kirchweihfestplatz und Pranger. Auf ihm wurden Erlasse, landgräfliche Gesetze, Verordnungen und nicht zuletzt innerörtliche Maßnahmen bekannt gegeben; vergleichbar mit den Thingstätten im Norden Deutschlands. Der Jestädter Anger ist mehr als 500 Jahre alt. Die ersten Hinweise gehen bis ins 15. Jhdt. zurück. Es handelte sich meistens um juris­tische Verhandlungen und Urteile. Jestädt bildet mit den Ortschaften Motzenrode und Neuerode, sowie den Wüstungen Dudenhausen, Bettelsdorf, und Dörrenhain das „von Boyneburg Hoensteinsche Privatgericht”. Das Gericht wurde in der Regel zweimal jährlich einberufen. Alle Einwohner der drei Dörfer mitsamt Obrigkeit und Adel hatten zu erscheinen. Das anschließende Gelage zahlten die Bürger. Nach Größe und Besitz entrichteten die Bürger jährlich ein sogenanntes Atzgeld mit dem die Zeche bezahlt wurde. Es war ein Schöffengericht, das paritätisch mit 12 Schöffen besetzt war. 6 Jestädter, 4 Neueröder und 2 Motzenröder mit dem Boyneburg­ Hoensteiner Gesamtrichter fällten Urteile bis hin zur Todesstrafe. So wurde hier die arme Bauernmagd Magarete Hinderwirth wegen wieder­holten Diebstahls zum Tode verurteilt. Noch am Tag des Urteils wurde sie mit dem Schwert enthauptet. Eine alte Gerichtslinde mit ihren Arm- und Beinfesseln diente als Pranger, sie wurde in den 1960er Jahren gefällt. Die Häuser rund um den Anger wurden in etwa zwischen 1640 und 1700 im Fachwerkstiel erbaut (teilweise wurden sie in neuerer Zeit verputzt). Eine Ausnahme bildet das Wiegandsche Haus auf der gegenüberliegende Straßenseite, es wurde 1586 erbaut und ist das älteste datierte Bauernhaus im alten Werra-Meißner-Kreis. © Heinrich Hogelucht, Text und Fotos