Eine Stätte des Friedens. von Heinrich Hogelucht

Eine Stätte des Friedens. An der Kreissstrasse Jestädt- Motzenrode, zwischen der Pletsch- und Pochmühle, liegt am rechten Waldrand, unter dem früher sogenannten Judenköpfchen, in der Stille des Mühlbachtales der israelische Friedhof. Er ist einer der ältesten jüdischen Begräbnisstätten in Hessen. Angelegt wurde er wahrscheinlich schon vor Beginn des 16. Jahrhunderts. Der Grund und Boden gehörte ursprünglich dem ortsansässigem Adel. Je nach Erfordernis kauften die Juden Grund und Boden für eine Erweiterung. In der Zeit von 1724 bis 1800 veräußerten die v. Boyneburg-Hoenstein 27 Ruthen Ackerland, um weitere Bestattungen zu gewährleisten. Außer ihrer Begräbnisstätte war es den Juden früher verboten, Grund und Boden zu erwerben. Schutzgeld für einen Friedhof. Der jüdische Friedhof zu Jestädt war ein Sammel- und Bezirksfriedhof der jüdischen Gemeinden Sontra, Abterode, Reichensachsen, Netra und Eschwege. Jestädt hatte nie eine eigene jüdische Gemeinde; lediglich zwei israelische Familien waren ansässig, von der eine die Aufsicht über den Friedhof wahrnahm und dem Adel ein Schutzgeld zu zahlen hatte, während die zweite unter dem Schutz der Jestädter Gerichtsbarkeit stand und mit niederen Arbeiten ihr täglich Brot erwarb. Zusätzlich zum Preis für Grund und Boden hatten die jüdischen Gemeinden an die Jestädter Herrschaft einen Erbzins von 3 Gulden jährlich zu zahlen. Trotz Landkauf, Schutzgeld und Erbzins an den Adel, bekam auch der jeweilige Schultheiss seinen Anteil. Für jeden toten Israeliten der mit Gefolge über die Gemarkungsgrenze gefahren oder getragen wurde, musste ein zusätzliches Geld an ihn bezahlt werden. Sinnbild der Vergänglichkeit. Schon seit biblischen Zeiten begruben die Israeliten ihre Toten; eine Feuerbestattung war mit ihrer Religion nicht vereinbar. Auf das Begraben in der Erde weist das hebräische Wort “kewer“ hin, das in der Bibel die Ruhestätte der Verstorbenen bezeichnet. Es ist verwandt mit dem Wort aushöhlen oder graben, so wie im deutschen Wort “Grab “ noch das Tätigkeitswort “graben“ enthalten ist. Seit mehr als 4000 Jahren war es jüdische Pflicht, eine Familiengrabstätte zu besitzen damit der Tote bei den Vätern ruhte. Im ersten Buches Mose, Kapitel 23, wird beschrieben, wie Abraham ein Erbbegräbnis erwirbt, um seine Frau Sara dort zu begraben. Die alten Gräber waren meistens Höhlengräber, wie das der Sara. Steine verschlossen, kennzeichneten und markierten ein Grab; sie sollten aber auch sagen “ hier beginnt der Todesbereich “. Trotz einiger Ähnlichkeiten der Riten christlicher und jüdischer Bestattungen gibt es Unterschiede. Bei einer jüdischen Beerdigung gibt es weder Kränze, Blumen noch Grabschmuck. Der Friedhof gilt den Juden als Sinnbild der Vergänglichkeit, Blumen sind lebendig und vergänglich.Das Fehlen der Blumen auf jüdischen Friedhöfen hat auch mit der Einfachheit der Begräbnisse zu tun und soll ausdrücken, dass die Menschen im Tode alle gleich sind. So wie der Mensch ohne etwas geboren wird, so geht er auch ohne etwas mitzunehmen. Ein heiliger Ort. Der Friedhof ist ein Ort jüdischen Lebens und Lebenserwartung nach dem Tode und vom Stellenwert höher einzustufen als eine Synagoge. Besichtigt man jüdische Friedhöfe, hat man den Eindruck, dass sie ungepflegt seien. Die Tradition, Gräber nicht zu schmücken, beruht auf dem Gedanken, dass alles was den Toten gehört, nicht dem Genuss der Lebenden dienen soll. Jüdische Friedhöfe bleiben sich mehr oder weniger selbst überlassen. Sie sind umfriedet, denn der heilige Ort soll und muss gegen unbefugte Eindringlinge geschützt werden. Um die Ruhe der Toten nicht zu stören, werden umgestürzte Grabsteine nicht wieder aufgestellt. Der Bewuchs des Friedhofes gehört den Toten. Abstammung auf dem Grabstein. Fasst alle Grabsteine eines Judenfriedhofes stellen die Angaben zum Verstorbenen in hebräischer Schrift dar. Hände, Krüge oder Schüsseln; Davidstern und Minora (siebenarmiger Leuchter meistens bei neueren Grabsteinen, wie zum Beispiel auf dem jüdischen Friedhof zu Eschwege), sagen etwas besonderes zur Person aus. Die segnenden Hände, Ring- und Mittelfinger sind V-förmig gespreizt und deuten darauf hin dass der Verstorbene ein Nachkomme des Stammvaters Aron, dem ersten Kohen (Priester) war, der zum Stamme Levi gehörte, erkennbar an Namen wie Katz, Cohen usw. Der Krug, des Öfteren zusätzlich mit einer Schüssel dargestellt, bezeugt, dass es sich bei dem Verstorbenen um einen Nachkommen aus dem Stamme Levi handelt. Die Leviten assistierten im Tempel den Priestern u. a. auch bei der Reinigung. Ein zweischneidiges Messer auf dem Grabstein zeigt an, dass der Begrabene zu Lebzeiten ein Kohel war, der die Beschneidungen der Knaben durchführte. Steine statt Blumen. So wie man auf Christengräbern Blumen legt, findet man auf den Gräbern der Juden kleine Steine, die Friedhofsbesucher dort ablegen. Dafür gibt es verschiedene Deutungen. Im Wesentlichen gehen sie auf die Ursprünge der Juden beim Auszug aus Ägypten zurück. Man konnte damals einem Toten keine größere Ehre erweisen, als auf seinem Grab möglichst viele Steine zu häufen, damit der Leichnam nach dem Weiterzug nicht von Wildtieren ausgegraben werden konnte. Für Juden ist der Stein das Symbol des Bleibenden. Als die schon erwähnten Ortschaften ihre eigenen Judenfriedhöfe anlegten, der Eschweger als letzte um 1865, verlor der Jestädter seine Bedeutung. Um 1920 wurden im Auftrage eines Eschweger Industriellen die Grabsteine von Staub und Schmutz der Jahrhunderte gereinigt und die Inschriften von einem Sachkundigen kopiert. Dabei wurden 300 Jahre alte Familiennamen freigelegt. Nachfahren der Familien Katzenstein, Levi, Kahn, Wertheim, nur um einige zu nennen, können hier die Ruhestätten ihrer Ahnen finden. Bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts befand sich an der Straße nach Motzenrode, unterhalb der Judenraines eine kleine, eingefasste Quelle, an der die Juden nach dem Friedhofsbesuch ihre rituelle Reinigung vornahmen. Dieser Friedhof als bedeutendes Kulturdenkmal, ist und bleibt für unsere jüdischen Mitbürger eine Stätte der Ewigkeit. Uns Deutschen sollte es Verpflichtung sein, Sitten und Gebräuche dieser Anlagen zu achten. Die Pflege jüdischer Friedhöfe obliegt den politischen Gemeinden gemäß der “Richtlinien für die Sicherung und Erhaltung jüdischer Friedhöfe in Hessen vom 01.01.1992“.